{"id":4261,"date":"2021-10-08T06:39:20","date_gmt":"2021-10-08T06:39:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fictionandphotographs.de\/wordpress\/?p=4261"},"modified":"2021-10-08T08:40:10","modified_gmt":"2021-10-08T08:40:10","slug":"annie-ernaux-die-jahre","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.fictionandphotographs.de\/wordpress\/annie-ernaux-die-jahre\/","title":{"rendered":"erinnerung als widerstand: annie ernaux &#8222;die jahre&#8220;"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p>Erinnerungsb\u00fccher, Biografien, Autofiktionen: Das liegt im Trend sagen uns Verlage, Literaturkritikerinnen und Kultursendungen. Denn die authentische Erinnerung l\u00e4sst uns miterleben, mitleiden und mit-interpretieren.  <\/p>\n\n\n\n<p>Dass literarisches Erinnern mehr sein kann, dass darin eine Dialektik von individueller Wahrnehmung und kollektiver Entwicklung aufscheinen kann, sich Widerstand gegen das Verordnete manifestieren kann, zeigt uns Annie Ernaux in \u201eDie Jahre\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>In ihrer distanzierten, zumindest in der deutschen \u00dcbersetztung das \u201eman\u201c strapazierenden Erinnerung an Kindheit in den letzten Kriegsjahren des Zweiten Weltkriegs in einem Kaff in der Normandie, ans Heranwachsen, an die Sehnsucht nach Liebe und an die Ehe als Kompromiss zwischen Sehnsucht und Notwendigkeit, ans Gro\u00dfwerden der eigenen Kinder, an die Scheidung, an Liebschaften und eine Krebserkrankung, macht es uns Ernaux nicht leicht, jene Identifikation f\u00fcr das Miterleben zu finden, die wir im Lesen stets suchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Nahezu atemlos treibt uns Ernaux durch die Epochen, jagte Aufz\u00e4hlungen von Ereignissen, Moden und Konsumg\u00fcter \u00fcber die Seiten, einzig innehaltend in den Fotografien, die sie beschreibt, darauf abgebildet \u201esie\u201c, als Kind, junge Frau, Geliebte, Mutter, Gro\u00dfmutter. Das liest sich leicht, manchmal etwas einfallslos und zun\u00e4chst ohne gro\u00dfe Empathie zu wecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dennoch vermag Ernaux ein Panorama zu erschaffen, das weit \u00fcber ihre eigene, pers\u00f6nliche Geschichte hinausgeht. In dem sie Chansons, Marksteine der Popul\u00e4rkultur und des philosophischen, gesellschaftskritischen Denkens mit politischen Einschnitten, Wahlen, Hoffnungen und Entt\u00e4uschungen an sozialistische und sozialdemokratische Kandidaten verbindet, entf\u00e4chert sie ein Panorama des kollektiven Ged\u00e4chtnisses, an das selbst deutsche Leserinnen und Leser ankn\u00fcpfen k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber was mit der Erinnerung an den ersten Fernseher, das erste Radio, die erste Schallplatte beginnt, w\u00e4chst sich mit der Jahrtausendwende zum Terror zunehmender und globalisierter Warenstr\u00f6me aus. Immer mehr teilen sie die Gesellschaft in jene, die es sich leisten k\u00f6nnen, zu konsumieren, und jene, die es sich nicht leisten k\u00f6nnen. Und damit gleitet die augenscheinliche Biografie \u00fcber in eine politische Haltung &#8211; ohne sie je plakativ darzustellen.  <\/p>\n\n\n\n<p>Immer tiefer frisst sich Konsum und Kaufterror in \u201eDie Jahre\u201c, verdr\u00e4ngt politische Wahrnehmung und Haltung &#8211; auch in den Medien. Die Erinnerung, ja das Biografische selbst, wird zur Kapitalismuskritik, das eigene Leben im dialektischen R\u00fcckgriff zum sch\u00e4rfsten Kritiker unserer Gegenwart. <\/p>\n\n\n\n<p>Je n\u00e4her der Text an unsere Gegenwart ger\u00e4t, desto unheilvoller habe ich Ernaux\u2019 S\u00e4tze wahrgenommen. Wie ein Science Fiction liest sich das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, gerade weil Ernaux konsequent ihren zeitlichen R\u00fcckgriff in die \u201efortschreitende, konsequente Vergangenheit\u201c des Imperfekts setzt. Das biografische Ich verliert in diesen letzten Jahren von \u00bbDie Jahre\u00ab seinen Impuls zum Widerstand, da ist kein Protest gegen den Verlust von Freiheit und die Abh\u00e4ngigkeit vom Konsum mehr, keine Warnung davor, wie die Ware die Welt zersetzt. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber genau darin liegt Ernaux\u2019 Warnung: Uns vor Augen zu f\u00fchren, wo wir stehen, was wir verloren und aus der Hand gegeben haben. In dem sie das autobiografische Ich als widerstandslose Konsumentin beschreibt, ersch\u00fcttert sie uns, macht den Verlust des Gestaltungswillens zum sch\u00e4rfsten Schwert gegen unsere Gegenwart.   <\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDie Jahre\u00ab werden damit zu einer subtilen Gegenstimme gegen die gewertete Erinnerung, die l\u00e4ngst die Medien f\u00fcr uns \u00fcbernommen haben (vergleiche: Link). In dem sie Fernsehen und Internet als Interpretatoren des kollektiven Geschichtskanons entlarvt, schafft Ernaux eine Vorstellungen davon, wir wir durch die eigene Erinnerung eine alternative Historie unserer Welt, der Ereignisse um uns, erschaffen k\u00f6nnen. In der individuellen R\u00fcckbesinnung entsteht eine kritische Distanz zur Gegenwart. In dem wir uns erinnernd vergewissern, was wir einst empfunden, gemeint und gehofft hatten, gibt es noch eine Chance, der Dystophie zu entfliehen \u2026 vielleicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erinnerungsb\u00fccher, Biografien, Autofiktionen: Das liegt im Trend sagen uns Verlage, Literaturkritikerinnen und Kultursendungen. Denn die authentische Erinnerung l\u00e4sst uns miterleben, mitleiden und mit-interpretieren. Dass literarisches Erinnern mehr sein kann, dass darin eine Dialektik von individueller Wahrnehmung und kollektiver Entwicklung aufscheinen kann, sich Widerstand gegen das Verordnete manifestieren kann, zeigt uns Annie Ernaux in \u201eDie Jahre\u201c. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4263,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87],"tags":[],"class_list":["post-4261","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-fiction"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.fictionandphotographs.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4261","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.fictionandphotographs.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.fictionandphotographs.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fictionandphotographs.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fictionandphotographs.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4261"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.fictionandphotographs.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4261\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4262,"href":"https:\/\/www.fictionandphotographs.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4261\/revisions\/4262"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fictionandphotographs.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4263"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.fictionandphotographs.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4261"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fictionandphotographs.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4261"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fictionandphotographs.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4261"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}