Von außen und innen: „Die Vegetarierin“ von Han Kang

Sich die Freiheit nehmen, frei sein, das Leben nach eigenen Maßstäben gestalten, kurzum: sich zu befreien aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, ist unser Imperativ von der Aufklärung bis heute. Welche Entwicklung aber diese Sehnsucht nach Befreiungen nehmen kann, zeigt uns Han Kang in ihrem Roman „Die Vegetarierin“.

Dabei stellt sie uns ein Paradebeispiel weniger nach Immanuel Kant, sondern mehr nach Sigmund Freud vor: Denn Kangs Heldin Yong-Hye sucht Befreiung aus Unterdrückung, Misshandlung und Missachtung, in dem sie alles Fleisch und schließlich alles Fleischliche ablehnt, um ganz in der Natur aufzugehen. Wie jede Freiheitskämpferin hat sie dabei gegen die Widerstände der Umwelt zu kämpfen – und diese formieren sich bereits, als sie beginnt, ihren BH abzulegen. Je konsequenter Yong-Hye sich die Freiheit nimmt, Freiheit zu suchen, desto aggressiver reagiert die Umwelt – bis zum totalitären Freiheitsentzug.

Aus drei Perspektiven gewährt uns Han Kang Einblick in eine Familienkonstellation, die rigide aufs Äußere, den Schein und die – augenscheinlich von den Frauen gestützte – selbstverschuldete Unmündigkeit setzt. Wir erfahren aus der Perspektive von Yong-Hyes Ehemann, welche Geschützte er und die Gesellschaft gegen die Entscheidung der Protagonistin auffährt, Vegetarierin zu werden. Aus der Perspektive ihres Schwagers schildert uns die Autorin, wie sie für weitere Zwecke eingespannt und im Stich gelassen wird. Und aus Perspektive der Schwester, die sinnigerweise als Kosmetikerin die Gesichter ihrer Kunden wahrt und damit reich geworden ist, berichtet sie von der endgültigen Konsequenz Yon-Hyes, sich die letzte noch mögliche Freiheit zu nehmen.

Selbst auferlegte Gesetze

Es mag sein, dass „Die Vegetarierin“ vor allem als Kritik an der südkoreanischen Gesellschaft gelesen wird, die bis heute rigiden Zwängen und Traditionen unterworfen sein soll. Aber für uns rückt mit der tiefenpsychologischen Deutung, die Han Kang neben dem Freiheitsthema anbietet, ein Nebenaspekt ins Blickfeld:

Könnte es sein, dass der Verzicht auf Fleisch und tierische Bestandteile im Essen, der nur durch eine konsequente Kontrolle des Alltags bewältigt werden kann, als Schrei nach Befreiung von Dominanzen insbesondere in der Kindheit gedeutet werden kann?

Wer sich vegan ernährt, spricht gerne darüber. Aber was enthüllen uns Essensregeln, die sich Menschen selbst rigide auferlegen? Wie stark wirken heute gesellschaftliche Normen auf das Individuum, etwa jene, dass wir uns für die Umwelt, das Klima oder aus ökonomischen Erwägungen heraus selbstgesetzten Verhaltensgesetzen unterwerfen, die doch zugleich unser Verständnis von der Entscheidungsfreiheit des Einzelnen zutiefst erschüttern?

Blumenbilder©fictionandphotographs.de | Christina Denz

Du musst genießen

Manche, die sich streng vegetarisch bzw. vegan ernähren, zeigen wenig Freude am Essen – und neigen zu gegenteiligen Selbstbeteuerungen, weil ein weiterer Imperativ unserer Gesellschaft lautet: Du musst genießen.

Aber was macht das mit uns, die wir uns dem einen und anderen Leitsatz unterwerfen? Was macht das mit einer Gesellschaft, die Bilder und Lebensstile vorgibt, die nur durch rigide Selbstkontrolle realisierbar sind? Was macht das mit der Freiheit des Einzelnen, mit seinem Lebens- und Weltverständnis?

Freiheit und Demokratie sind zwei Seiten einer Münze, mit der wir derzeit nervös in unseren Hosentaschen klimpern: In Feuilletons, TV-Debatten und philosophischen Abhandlungen ringen Politik und Gesellschaft um Freiheit und Demokratie. Welche Rolle spielt dabei das Individuum? Welchen Beitrag leistet es mit seinem Verhalten für oder gegen Freiheit?

Wir alle sind gefordert

Derart weitergedacht fordert Han Kangs „Vegetarierin“ uns alle heraus – egal, wo wir leben und egal, ob es sich um Ernährung oder andere Lebensstile handelt, für die wir uns selbst harte Gesetze auferlegen. Die Jury des „Man Booker International Prize“, den Han Kang 2016 erhielt, befand:

Die Vegetarierin ist ein Roman über das zeitgenössische Südkorea, aber auch ein Roman über Scham, Sehnsucht und unsere schwierigen Versuche, aus unseren gefangenen Körpern heraus einen anderen gefangenen Körper zu verstehen.

 

Die Vegetarierin von Han Kang, erschienen im Aufbau-VerlagHan Kang, Die Vegetarierin. Gebunden und als Taschenbuch erschienen im Aufbau-Verlag, erhältlich in jeder   Buchhandlung   in ihrer Nähe.

 

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